7 Jun 2026, 11.30 am (Part 1)
7 Jun 2026, 01.30 pm (Part 2)
7 Jun 2026, 05.00 pm (Part 3)
7 Jun 2026, 07.30 pm (Part 4)
Das Konzert besteht aus 4 Teilen über die Dauer eines ganzen Tages. Die verschiedenen Konzertteile können auch einzeln besucht werden. Zwischen den Konzertteilen gibt es ausreichend Pausen.
Münster/Goms
MEbU (Münster Earport)
Eintritt frei (Kollekte)
Reservation empfohlen: office@forumvalais.ch
UMS'nJIP & Luis Tabuenca
in der nahaufnahme verwildern wir
2022-2026, für Stimme, Blockflöten, Perkussion
und Live-Elektronik (Audio & Video), Uraufführung
Teil 1 - im störgarten (70m, 11.30am)
Teil 2 - entwendete fenster (65m, 1.30pm)
Teil 3 - neophyten (zusammen mit Luis Tabuenca, 80m, 5pm)
Teil 4 - eins (126m, 7.30pm)
integrale Aufführung aller 4 Gedichtzyklen
aus dem gleichnamigen Lyrikband In der Nahaufnahme verwildern wir
von Rolf Hermann
Zeit.
Als UMS'nJIP Ende 2021 auf Schloss Leuk an der Buchvernissage von Rolf Hermanns In der Nahaufnahme verwildern wir teilnahmen, war noch nicht abzusehen, was das für eine wundersame Wendung nehmen würde: die Vertonung eines ganzen Lyrikbandes. Richtig gelesen, eines ganzen Lyrikbandes. Oder auf Neudeutsch: UMS'nJIP flashten mit diesem Buch voll ab. Dessen Sprachrhythmus, Musikalität, Formensprache, Konzept und Inhalt haben sie voll elektrisiert. Fünf Jahre später sind alle Gedichte vertont. Vier abendfüllende Programme sind beinahe traumhaft schlafwandlerisch entstanden. Und damit kristallisiert sich ein weiterer Traum: Was wäre, wenn das Konzertpublikum im Verlaufe eines ganzen Tages diesen Gedichtband integral zusammen erlebt, hört, liest, teilt? Was, wenn diese vier Zyklen an einem Tag nacheinander gespielt würden?
Gedichte zu lesen ist eher eine punktuelle Angelegenheit als eine Langzeitübung. Ein Gedicht hier, eines da: Schweifen, Hinundherblättern - die Erfahrung bleibt in der Regel im Minutenbereich. Hier haben wir es mit einer grundsätzlich anderen Erfahrung zu tun.
Mehrstündige Aufführungen musikalischer und/oder szenischer Werke üben eine grosse Faszination aus. Sie sind wie eine Mehrtageswanderung: unvergesslich. Man durchläuft zwar alle Gemüts- und Wetterlagen, aber die Zeit arbeitet ebenfalls: sie ordnet, gewährt man ihr den nötigen Raum, diese Gemütslagen wieder in eine Metaebene ein. Es sind nicht nur die Einmaligkeit und die physische wie zeitliche Dimension des Erlebnisses, welche lange nachhallen, es kommt einer spirituellen Erfahrung gleich.
Gemeinsam Zeit zu teilen und sich gestalteter Sprache, Klang und Musik hinzugeben, das ist das Angebot dieses Programmes.
Zu den einzelnen Liedzyklen
im störgarten
neophyten (Trio-Version zusammen mit Luis Tabuenca)
entwendete fenster
eins
Zum Buch
Ein rauschhaftes, urbanes Langgedicht, in dem die Ampeln sinnentleert blinken und die Zufallsbegegnung mit einem Tier die Hoffnung auf eine Verschmelzung von Mensch und Natur nährt. Ein Bildschirm, der glimmt, ein Fenster, das aufpoppt – und die Zeilen werden zu einem Eintrittsort, zu einer Schnittstelle zwischen Virtualität und unmittelbarer Erfahrung. Anderswo schleudern Neophyten ihre Samenkugeln durch die Luft und breiten sich rasend schnell aus: ein brasilianisches Tausendblatt, ein Götterbaum, ein Schmetterlingsstrauch. Und schliesslich ein Gang durch einen längst verschwundenen Obstgarten, in dem selbst die Luftpartikel träge geworden sind ob ihres uralten Gewichts. Ausgehend von vier Zyklen, die Rainer Maria Rilke am Ende seines Lebens im Château Muzot im Wallis auf Französisch geschrieben hat, zoomt Rolf Hermann mit seinen neuen Gedichten mitten hinein in unsere Lebenswelt mit ihren globalen Verflechtungen, ihren Hotspots und Flächenbränden, ihren Erschöpfungszuständen. Lustvoll und zärtlich, formbewusst und unverwechselbar im Ton.
Der gesunde Menschenversand, zitiert aus: https://www.viceversaliteratur.ch/book/22824
Im Gedichtband In der Nahaufnahme verwildern wir verbindet Rolf Hermann rhythmisch bewegliche Gedankenlyrik mit einem hermetischem Gestus. In den Jahren 1924-1926 dichtete Rainer Maria Rilke auf Schloss Muzot oberhalb von Sierre vier Gedichtzyklen, für die er sich eine fremde Sprache lieh: die französische. Diese «Quatrains Valaisans» besingen Natur und Landschaft, in der sich Rilke für seine letzten Lebensjahre niedergelassen hatte. Diese Landschaft kennt und liebt auch Rolf Hermann, der in Leuk unweit von Rilkes Domizil aufgewachsen ist. In seinem Gedichtband In der Nahaufnahme verwildern wir nimmt er diese topographische Nähe auf, indem er Rilkes Zyklen aus gegenwärtiger Optik überschreibt und variiert. Die weite Landschaft setzt den Rahmen. Im ersten Kapitel «im störgarten» hält sich das lyrische Ich an ein Rilke-Motto aus den Orpheus-Sonetten: «Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.» Doch die Rhone hat sich längst verändert: sie ist begradigt, versiegelt, intensiviert, «ein immenses spiegelkabinett der rentabilität» und Abbild der ganzen Landschaft geworden. Das Ich wird es mit mulmigen Gefühlen gewahr. Immerhin die Vögel, «diese erben der engel / sie gehörten uns nie». Diesem ersten Kapitel antwortet – nicht minder finster – das letzte mit der Überschrift «eins»: ein staunender Gang aus dem Haus hinaus in den Tag und quer durch eine nebelverhangene Stadt, Biel, in Begleitung eines freundlichen Marders, der ihn in den steil aufragenden Wald, in die Verwilderung führt. Sich die wunden Augen reibend versucht das Ich die düstern Dinge klar zu sehen, die funktionalen Oberflächen aufzurauen. Die beiden Kapitel ähneln sich im lyrisch wendigen Parlando, im inneren Gedankenflug, mit dem das erschrockene Ich das (t)raumzeitliche Kontinuum durchquert und Verlust und Wandel festhält. Gibt es Rettung auf solchen «chemins qui ne mènent nulle part», oder wäre derlei blosse Schimäre? Im Zentrum des Bandes formieren sich, adäquat zu Rilke, zwei Kapitel, in denen dessen Motive aufgenommen und vergegenwärtigt werden. In «entwendete fenster» leuchten die Zeilen blass-bläulich im Schimmer des Monitors, der das Fenster in die Welt ist: «take-off / ins unsichtbar periphere». Unvermittelt umschliesst der Rahmen eine Wirklichkeit, in der das Ich zum enormen «waren-ich» als «botenstoff im angebot» mutiert. In kurzen Zwei- bis Vierzeilern variiert Rolf Hermann, wie Rilkes Zyklus «Les fenêtres» ent- und umgewendet wird, wie die Erinnerung verblasst, eine neue Welt im Dämmer des Monitors sichtbar wird. Sprachlich am wildesten, geradezu vegetativ berauschend, fällt das Kapitel «neophyten» aus, mit dem Hermann auf Rilkes «Les Roses» antwortet. Neophyten wie das «drüsige springkraut» oder «der kirschlorbeer» mögen nicht so geschmäcklerisch schön wirken wie eine Zuchtrose, dafür zeichnen sie sich durch Vitalität und Zähheit aus. Die Sprache lässt sich von dieser Vitalität anstecken und beginnt zu verwildern, sie samt Silben ab und formt sie zu neuen Worten, findet sich zu Bildern, die neophyt und ungewohnt, vital und frisch sind. Die Nahaufnahme, der konzentrierte Blick stellt auf die glatte Oberfläche scharf und nimmt so erst deren raue Struktur wahr.
Beat Mazenauer, zitiert aus: https://www.viceversaliteratur.ch/book/22824
Rolf Hermann durchstreift gleich mehrere Landschaften synchron, jene seiner Erinnerungen, seiner Kindheit und Jugend, jene seiner Heimat, dem tiefen Tal, den steilen Hängen und jene seines schreibenden Bildervaters Rilke, der noch immer atmosphärisch im Rhonetal wirkt. Seine Gedichte beweisen eindrücklich, wie klar und doch vielschichtig Lyrik sein kann, wie sehr einem Sprachkunst in Ekstase versetzen kann, wie leidenschaftlich Lyrik beim Schreiben und Lesen Lebenslust erzeugen kann!
Gallus Frei-Tomic, zitiert aus: https://literaturblatt.ch/rolf-hermann-in-der-nahaufnahme-verwildern-wir-der-gesunde-menschenversand/
Rolf Hermann. Geboren 1973 in Leuk, Kanton Wallis, lebt als freier Schriftsteller in Biel/Bienne. Er schreibt Prosa, Lyrik, Hörspiele, Spoken-Word- und Theatertexte. Das Studium der Anglistik und Germanistik in Fribourg und Iowa, USA, verdiente er sich als Schafhirt im Simplongebiet. Neben Einzellesungen aus seinen Büchern tritt Hermann mit zwei weiteren Projekten auf: der Mundart-Combo Die Gebirgspoeten und der Spoken-Rock-Formation Trio Chäslädeli. Sein Schaffen wurde verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt mit dem Kulturpreis der Stadt Biel (2017) und dem Literaturpreis des Kantons Bern für den Erzählband Flüchtiges Zuhause (2019). Zahlreiche Auftritte in der Schweiz und darüber hinaus: Buchmesse Leipzig, Book Fair Vilnius (Lettland), Poetry Days der University of Southern Indiana in Evansville (USA), European Poetry Festival London, Meridian Czernowitz (Ukraine), Hausacher Leselenz (D), Literaturfestival „Erzählzeit ohne Grenzen“ in Singen (D), Literaturhaus Stuttgart, w.orte Lyrikfestival Innsbruck (Ö), Innsbrucker Prosafestival (Ö), Literaturhaus Niederösterreich, Literaturgesellschaft Wien, Internationales Literaturfestival Leukerbad, Solothurner Literaturtage, Literarischer Herbst Gstaad, lauschig Winterthur, Salon du Livre Genf, Aprillen Bern, Literaturfest Bern, Internationales Lyrikfestival Basel, Literaturhaus Zürich, Literaturhaus Gottlieben, Literaturhaus Liechtenstein, Literaturhaus Zentralschweiz, Tojo Theater Bern, Le Singe Biel, Kreuzkultur Nidau, Literaare Thun, Die Literarischer Biel, Kaufleuten Zürich, Zürich liest, Buchbasel, wortlaut St. Gallen, Zentralschweizer Literaturtage auf der Rigi, Philosophicum Basel, Kleintheater Luzern, Kleine Bieler Büchermesse, Loge Luzern, Café Kairo, Mundartfestival Arosa, Kulturgarage Interlaken, Chäslager Stans, Stiftung Rilke Sierre, Zeughauskultur Brig, Matterhorn-Museum Zermatt, Schloss Leuk, Roggenzentrum Erschmatt, Burgerstube Albinen. https://rolfhermann.ch, https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Hermann
Luis Tabuenca. Composer and percussionist Luis Tabuenca was born in Zaragoza, Spain. His music integrates elements from other disciplines, with compositions ranging from opera, installations, sound sculptures, films, ballet, chamber music and solo works. He studied at the Conservatories of Zaragoza, Barcelona, Amsterdam and the University of California at San Diego with Steven Schick, Philippe Manoury and Mark Dresser, also attending workshops with Tristan Murail, Carola Bauckholt, Rebecca Saunders and Alexander Schubert, among others. He is celebrated for his incomparable virtuosity, mastery and an extraordinary ability to blend composition and improvisation in his work. He has performed nationally and internationally with his own ensembles, as well with artists such as Peter Veale, Séverine Ballon, Naomi Sato, John Edwards, Hans Tammen, Dafna Naphtali, and Imre Thormann, among many others. The Wire magazine has praised Tabuenca for his instrumental creativity, “Tabuenca’s colourful percussion is involving, beautiful and immaculately sequenced.” The All about Jazz magazine noted that Tabuenca’s music is “full of nuanced drama, arresting tension and vibrant colors”. As a leader, he has released seven critically acclaimed recordings that feature his work as a composer and percussionist. He has recorded for Mode Records, Aural Terrains, Diatribe, Verso, Sinkro, Naucleshg and Acheulian Handaxe Records. He is co-founder and Artistic Director of the International Experimental Music Festival (FAT) and he has been Artist in Residence at the New York University, Electroacustic Music Days (Portugal), Canterbury University, and the Phonos Foundation, among others. Tabuenca has received awards and support for his creative projects from the Fulbright Commission, the Ministry of Culture of Spain, Government of Aragon, Institut Ramon Llull and the ICUB from Barcelona. Tabuenca has given lectures and workshops on composition, percussion and improvisation in numerous universities and cultural institutions, such as Goldsmith University, National University of Colombia, American University in Cairo, Bulgaria National Conservatory and New York University. https://luistabuenca.com/
UMS'nJIP (Ulrike Mayer-Spohn und Javier Hagen) ist ein Schweizer Duo für Neue Musik. Mit über 1500 Auftritten seit 2007 gehört UMS 'n JIP zu den weltweit aktivsten Ensembles für Neue Musik. Charakteristisch sind ihnen Multi- und Interdisziplinarität sowie ein international verzweigtes Netzwerk von Komponisten, Regisseuren, bildenden Künstlern, Autoren, Programmierern und Forschern, mit welchen sie regelmäßig zusammenarbeiten. Sie treten konzertant, szenisch, performativ, installativ und multimedial auf und arbeiten ästhetisch an der Schnittstelle zwischen europäischer und außereuropäischer Musik und zwischen musikalischer Avantgarde und Pop. Ulrike Mayer-Spohn (UMS) und Javier Hagen (JIP) haben beide klassische Musik (Dorothea Winter und Mike Svoboda resp. Roland Hermann und Nicolai Gedda), Komposition (Erik Oña, Wolfgang Rihm, Heiner Goebbels) sowie Audiodesign (Studio für Elektronische Musik Basel) in Holland (Den Haag), Deutschland (Karlsruhe), Italien (Ferrara) und der Schweiz (Basel, Zürich) studiert. Solistisch wie als Duo sind sie in den meisten Ländern Europas, den USA, in Australien, Russland und Fernost aufgetreten, wo sie insgesamt über 300 Werke in Zusammenarbeit mit Komponisten wie Péter Eötvös, Aribert Reimann, Mauricio Kagel, Huang Ruo, Guo Wenjing, Stefano Gervasoni, Vladimir Gorlinsky (ur-)aufgeführt und für internationale Rundfunk- und Fernsehanstalten aufgezeichnet haben. Ihre eigenen Kompositionen, darunter Ensemble-, Orchester-, Chor- und szenische Werke mit und ohne Elektronik, gewannen Preise an den Weimarer Frühjahrstagen für zeitgenössische Musik (2017), am Internationalen Musikfestival in Savona (2017), am London Ear Festival (2016), am Musikfestival Bern (2011), bei Culturescapes (2010), in Treviso (2011), am Music Village Mount Pelion (2011), beim Ise-Shima Kompositionswettbewerb in Japan (2023) und wurden von den Ensembles l'Arsenale, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Uroboros Ensemble, Ensemble Proton Bern, Basler Madrigalisten, Putni, dissonArt Ensemble, Taller Sonoro, Ensemble Nuove Musiche, Ensemble Via Nova, Ensemble Phoenix, Männerstimmen Basel, Amar Quartett unter der Leitung von Beat Furrer, Tsung Yeh, Mark Foster, Jürg Henneberger, Oliver Rudin, Titus Engel und Filippo Perocco gespielt. Ferner war JIP 2014-2025 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Neue Musik (ISCM Switzerland), 2018/19 im akademischen Rat der Akademie für Zeitgenössische Oper des Teatro Colón in Buenos Aires, im Nominationskomitee des Kyoto-Preises in Japan und arbeitete 2009-18 als Experte für den ICH-UNESCO-Ausschuss zur Aufarbeitung des Immateriellen Kulturguts des Kantons Wallis in der Schweiz. http://umsnjip.ch/, https://de.wikipedia.org/wiki/UMS_’n_JIP
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